Veröffentlichung hier am 16. Januar 2012

Caritas bot spannenden Kinoabend im Corso Mayen
Rechtsanwalt kommentierte Vorgehen des Kriegsverbrechertribunals in Den Haag

Zum Foto: Rechtsanwalt Jens Dieckmann (links im Bild) stellte gegenüber Markus Göpfert fest, dass der Film „Sturm“
mehrere Parallelen zu real in Den Haag verhandelt Fällen aufweise.
Caritasmitarbeiterin Sonja Lauterbach bedankte sich gleich zu Beginn bei Friederike Mühlhäusler und Thomas Schneckenburger, die schon seit vielen Jahren dem Caritasverband ihr Kino einmal im Jahr zur Verfügung stellen. Im großen Saal des Corso-Kinos Mayen hatte der Fachdienst Migration, Caritasverband Rhein-Mosel-Ahr e.V., zu einem spannenden Kinoabend geladen. Gezeigt wurde in diesem Jahr der gelungene Thriller „STURM“ von Hans-Christian Schmid, der ethnische Säuberungen und Vergewaltigungen während des Krieges im ehemaligen Jugoslawien und das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag thematisierte.
Hannah Maynard, Anklägerin am Kriegsverbrechertribunal, gelingt es, die in Berlin lebende Bosnierin Mira zu überzeugen, als Zeugin im Prozess gegen einen mutmaßlichen Kriegsverbrecher auszusagen. Im Spannungsfeld zwischen Wahrheitssuche, den Drohungen bosnisch-serbischer Nationalisten und den Interessen der internationalen Politik beginnt Hannah zu begreifen, dass ihre Gegner nicht nur auf der Anklagebank, sondern auch in den eigenen Reihen zu finden sind. Der Film zeigte auf sehr anschauliche Weise, wie verlassen Zeugen in Den Haag sind, denen das Gericht keinen wirklichen Schutz bietet.
Rechtsanwalt Jens Dieckmann aus Bonn bestätigte im anschließenden Gespräch mit Markus Göpfert vom Fachdienst Migration eine Schieflage: „Die Prozesse werden im politischen Kontext gesehen. Die Strafjustiz kann das Versprechen, Opfergerechtigkeit herzustellen, nicht einlösen.“ Auch tauche in den Statuten des Strafgerichtshofes der Begriff „Opfer“ nicht auf, das Gericht kenne nur „Zeugen“. Als Jens Dieckmann 2006 als zweiter Pflichtverteidiger im Fall Milan Lukic aktiv wurde, ein ähnlicher Fall wie im Film, beobachtete er, wie die Staatsanwaltschaft von den 7-8 Millionen Beweismitteln ein paar wenige heraussuchte, die in ihren Augen Erfolg versprachen. „Es ging um einzelne Morde an einzelnen Tagen“, stellte Jens Dieckmann fest und berichtete im Mayen von dem weiteren Verfahren: „Ein neuer Staatsanwalt hatte mehr herausgefunden. Es ging nunmehr nicht mehr nur um Brandschatzungen, sondern auch um den Vorwurf von Massenvergewaltigungen. Das war genauso wie im Film.“ Allerdings lehnte das Gericht die Zulassung dieser neuen Anklagepunkte ab: sie seien von der Anklage zu spät vorgebracht worden. Die Zeugenaussagen waren schließlich acht Jahre alt. Wie im Film beschränkten sich die Richter daher im realen Fall Lukic schließlich auf den kleineren Fall, der ihnen ausreichend erschien. So gab es also auch im realen Fall Tabus, die von den Opfern im Zeugenstand nicht angesprochen werden durften. Jens Dieckmann, der heute auch als Opferanwalt am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag tätig ist, bemängelte diese Vorgehensweise: „Ein solche Prozess verhindert, dass das Leid der Opfer sichtbar wird.“
Mit Rechtsanwalt Jens Dieckmann und dem Film „Sturm“ zeigte der Fachdienst Migration anschaulich, wie Opfer als Gerichtszeugen in Den Haag zwischen die Mühlsteine von Justiz und äußerer Gewalt geraten können. Ihr Ruf nach Gerechtigkeit bleibt unerhört. Eine spannender, informative Veranstaltung, mehr als ein Film- und Gesprächsabend.